Jazzthetik, Ausgabe 05.2009, Seite 72
Tobias Richtsteig. Es gibt immer noch Überraschungen! Wer hätte gedacht, dass drei Jazz-Pianisten im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt aufeinandertreffen und noch dazu ein gar nicht mal kleines Publikum in den klassizistischen Schinkel-Bau locken würden?! Wohlgemerkt: Es geht ja nicht um Keith Jarrett, Oscar Peterson und Michel Petrucciani auf „Steinway“-Promotion-Tour, sondern um die etwas kleineren Namen Mathias Claus, Bob Albanese und Ayako Shirasaki. Die beiden Männer und die New Yorker Japanerin kamen unter dem Titel „1. International Jazz Solo Piano Festival“ zusammen, eine brandneue Veranstaltung also, immerhin mit Unterstützung durch Steinway, Karsten Jahnke, Dussmann und nicht zuletzt JAZZTHETIK. Das abschließende Konzert ihrer kleinen Deutschland-Tournee – zuvor hatten sie in Hamburg und München gastiert – feierten sie in Berlins historischer Mitte, unter Stuck und bewundernswerten Lüstern. Wo steht eigentlich geschrieben, dass Jazz nur in dunklen, verrauchten Clubs stattfinden kann? Gibt es da auch einen Paragrafen, der die Zusammensetzung des Publikums festschreibt? Das 1. IJSPF jedenfalls versuchte erst gar nicht, solchen althergebrachten Klischees zu entsprechen, sondern präsentierte selbstbewusst einen außergewöhnlichen Jazz-Konzert-Abend. Belohnt wurde dieser Mut von einem Publikum, das eher nicht den Weg in einen der einschlägigen Clubs gefunden hätte, aber offenbar umso interessierter daran war, was Klaviermusik im Bereich Jazz zu bieten hat.
Die drei Solo-Sets des Abends gaben da einige Antworten, auch wenn die hier vorgestellten Spielarten zwischen Stride-Piano und dem harmonischen Impressionismus der Bill-Evans-Schule dem Publikum nicht unbekannt gewesen sein dürften. Doch einmal drei Klavier-Improvisatoren unterschiedlichster Herkunft so konzentriert am gleichen Instrument miteinander vergleichen zu können, erwies sich als durchaus aufschlussreich.
Mathias Claus gehörte zu den ersten Absolventen des Hamburger Jazzstudienganges unter Dieter Glawischnig, studierte auch an der Berklee, nahm online transatlantisch vernetzte Alben auf und hat sich in den vergangenen Jahren als Solopianist etabliert, u.a. mit einem Gesprächskonzertprogramm, das die Stilgeschichte des swingenden Klaviers am lebenden Beispiel demonstriert. Der pädagogische Ansatz schien sich auch in seinem Berliner Auftritt breitzumachen. Aus einer frei ausgreifenden Improvisation landete Claus bald bei „Take Five“, trieb Cole Porters „Night And Day“ an die Grenze zum Boogie-Woogie und schlug gegen Ende sogar noch den Bogen zu Esbjörn Svensson, ohne sich jedoch mit dessen prägnanter Phrasierung messen zu können.
Jazz-Improvisatoren, so konnte man nach dieser rasanten Tour de Force glauben, werden von Melodien, Rhythmen und Stilzitaten heimgesucht wie Schamanen während einer Séance. Ihre Kunst besteht darin, all diese Einflüsterungen in Echtzeit auf den Flügel zu übertragen.
Auf diesen die Genregrenzen überschreitenden, vulgo „europäischen“ Ansatz antwortete der New Yorker Bob Albanese mit der Beschränkung auf die nordamerikanische Jazzpiano-Tradition, arbeitete die Songstrukturen bekannter Standards klar heraus, um dann fein perlende Linien mit langem Atem darüber solieren zu lassen. Im Jahr 2001 tourte Albanese mit seiner Band als musikalischer Botschafter der USA im frühreren Jugoslawien, und ein ähnliches Vorhaben schien er auch in Berlin zu verfolgen. Nicht ohne noch auf seine jüngste CD, One Way/Detour, hinzuweisen, die den bemerkenswerten Pianisten im Trio mit Stargast Ira Sullivan präsentiert. Doch auch der Vollprofi (Albanese war lange Jahre der Hauspianist im legendären Rainbow Room des Rockefeller Center, NYC) geriet schließlich in einen rhapsodischen Flow, der nur schwach konturiert die Geduld der Zuhörer vor der Pause beanspruchte.
Nach der Auszeit fügte Ayako Shirasaki dem schon begonnenen Bild vom Jazzpianisten eine dritte Facette zwischen überschäumender Improvisation und routiniertem Extemporieren hinzu. Die gebürtige Japanerin transkribierte schon in der 5. Klasse Bud-Powell-Soli, kolportiert ihre Biograife bei All About Jazz. In New York City war sie u.a. Schülerin bei Kenny Barron (dessen Platz am Klavier der Bob Mover Group kürzlich Bob Albanese übernahm); seither ist ein Dutzend Jahre vergangen, und neben den Werbeexemplaren des Jazzmagazins ihres Vertrauens lagen in der Pause auch ihre beiden Trio-CDs und das Solo-Album Home Alone zum Verkauf bereit. In CD-reifer Präzision präsentierte Ayako Shirasaki (den Namen kann man sich ruhig merken) Bill Evans‘ „Turn Out the Stars“, Bud Powells „Un Poco Loco“ und Gillespies „Con Alma“, dessen zarte Harmonik in ihrer Interpretation auch von Debussy hätte stammen können. Die Pianistin füllte den Konzertrahmen mit Jazz-Improvisationen auf höchstem Niveau, konnte sich aber nicht von ihren sorgsam vorbereiteten Interpretationen lösen und, wie ihr Vorgänger Albanese in seinen besten Momenten, zur authentischen Einheit von Musiker und Musik finden.
Angekündigt war, das 1. International Jazz Solo Piano Festival für eine CD-Veröffentlichung mitzuschneiden. Europa, Amerika und der Blick aus dem fernen Osten auf den Mainstream des Jazz – das dürfte eine interessante Box werden.